Pressetexte

Über Verlegerei und andere spinnerte Tätigkeiten

Von Günther Emig

Die guten alten Zeiten

Ach, waren das noch Zeiten! Die Arbeitsteilung war klar: Der Dichter dichtete und der Verleger sorgte dafür, daß das Buch gedruckt und verkauft wurde und daß der Dichter auskömmlich vom Honorar leben konnte. Ein winziges Problem gab es nur für den Verleger. Der sah sich (oder wollte gesehen werden) fast ausschließlich als Teil des Kreativprozesses und mußte, was ihm öffentlich sehr peinlich war, mit Geld umgehen! Das nämlich war der zweite Teil seines Doppelcharakters, er war zugleich notgedrungen auch Kaufmann und mußte rechnen können. Dabei trieb er sich doch lieber mit seinen Autoren in Kaschemmen herum und zerbiß Gläser, so wie vom alten Rowohlt überliefert. Manche Verleger sollen auch mit einem kommerziellen Standbein wie Maschinenbau-Literatur unrentable Verlagssparten querfinanziert haben. Der alte Carl Hanser zum Beispiel.

Haben sich seit diesen idyllischen Zeiten Umstände grundlegend geändert oder haben wir heutzutage nur eine realistischere Wahrnehmung auf dieses Gewerbe?

Gelegentlich bin ich von angehenden Autoren gefragt worden, was sie tun müßten, um ihr Manuskript unterzubringen. Meine dann meist etwas launische Antwort: Überzeugen Sie den Verleger, daß er mit dem Druck Ihres Buches mehr verdient, als wenn er sein Geld in Aktien investiert. Womit ich nicht gemeint habe, daß man dem Verleger überhöhte Druckkostenzuschüsse für zweifelhafte Ruhmesversprechungen zahlen müsse – Zu-schüsse, also eine anteilige Mit-Finanzierung, die in Wahrheit oft mehr als die Gesamtproduktionskosten für ein ganzes Buch ausgemacht haben dürften.

Die Buchbranche und das liebe Geld

Spätestens seit den wilden 1968er Jahren und danach dürfte auch bei den gläubigsten Kulturanbetern der Doppelcharakter der Ware Buch ins Bewußtsein gedrungen sein, die Sache vom Tausch- und vom Gebrauchswert. Und der vom Markt und seinen Gesetzmäßigkeiten.

Nimmt man heute ein Buch aus den guten alten Zeiten in die Hand, wundert man sich über die eingedruckten, gelegentlich schwindelerregenden Auflagenhöhen. Was machte den Publikums- und Verkaufserfolg dieser Bücher aus? Daß das Angebot geringer war? Daß es einen unausgesprochenen Konsens gab, was man kaufen müsse? Denn auch das müssen wir ins Kalkül ziehen: Ein gekauftes Buch ist noch lange kein gelesenes.

Zunächst muß man feststellen, daß sich die heutigen Produktionsbedingungen dank technischer Veränderungen grundlegend geändert haben. Vorbei die Zeiten, als ein maschinenschriftlicher, mit handschriftlichen Hinweisen an den Setzer versehener Text an eine Setzerei ging, die Korrekturbögen kritisch revidiert wurden, Umbruchkorrekturen erledigt werden mußten, bis man dann endlich das Imprimatur erteilen konnte. Ich erinnere mich noch an die Zeiten, als mir ein Offsetdrucker erklärte, was die eigentlichen Druckkosten ausmachen: Film, Platte, Rüstzeiten, Druckmaschineneinrichtung. "Der Rest ist nur noch Papier. Drucken Sie lieber mehr, der Nachdruck ist teuer." Und so druckte man, lagerte ggf. die Rohbögen ein und lieferte Bindequote für Bindequote aus.

Heutzutage, wenn jeder mit einer handelsüblichen Bürosoftware den kompletten Prozeß der Druckvorstufe zum Nulltarif selbst erledigen kann, wo Digitaldruckereien im In- und Ausland um Kunden bühlen, wo es keinen großen Preisvorteil mehr ausmacht, ob man 50 oder 500 Exemplare drucken läßt, hat dies zweierlei zur Folge: die rentablen Auflagenhöhen werden niedriger, das Titelangebot wird breiter, damit die Konkurrenz natürlich auch größer. Und als Nebeneffekt: Als Verleger kann man mit minimiertem Kapitaleinsatz sein Risiko verteilen, kann mehr Titel anbieten und austesten, was sich verkauft und was nicht. Freilich, die Gemeinkosten bleiben: Personal, Miete usw.

14.273 belletristische Neuerscheinungen allein in Deutschland vermerkt der Börsenverein des deutschen Buchhandels für das Jahr 2017 – ein Plus von 2,7% gegenüber dem Vorjahr. Macht 39 belletristische Neuerscheinungen pro Tag, Wochenenden und Feiertage eingerechnet. Wer um Himmels willen soll all das kaufen und am Ende gar noch lesen?

Da ist es nur natürlich, daß das meiste auf der Strecke bleibt, daß man oft gar nicht so schnell lesen kann wie manch hochgelobte Novität bereits auf dem Ramsch gelandet ist. Veraltete Saisonware.

Der Buchhandel als Verteilmechanismus? Auch ein Buchhändler ist, bei aller Liebe zu seinen Produkten, ein Kaufmann. Und wie jeder Kaufmann muß er sich fragen, was er in seinem Laden auf Lager nimmt und anbietet. Festbestellungen bei Verlagen auf Verdacht hin tätigen bei risikoreichen Titeln bindet sein Kapital, Bestellungen mit Rückgaberecht mindern die Rabatte und erhöhen seine Arbeitsbelastung. Wer mag sich da wundern, daß die meisten der 14.273 Neuerscheinungen nie eine Sichtbarkeit im Buchhandel finden?

Buchbesprechungen als Werbeinstrument? Welche Tageszeitung bringt heute noch regelmäßig Rezensionen? Und wenn: welche Titel werden besprochen? Und schließlich: was bringen selbst die tollsten Buchbesprechungen an Umsatz, wenn ein Impulskauf mangels lokalem Angebot nicht möglich ist und man bereits am nächsten Tag vielleicht schon über einen noch weitaus interessanteren Titel stolpert?

Wenn es aber doch offensichtlich eine Überproduktion auf dem Markt befindet, was veranlaßt dann seriöse Verleger dazu, in kommerziell zweifelhafte Produkte Geld zu investieren? Spielt dabei vielleicht auch die "freundliche Unterstützung" mit? Verlorene Druckkostenzuschüsse aus öffentlichen oder privatwirtschaftlichen Töpfen? Bücher, die schon die schwarze Null hereingespielt haben, bevor auch nur ein einziges Stück verkauft ist?

Von verrückten Zwergen

Und dann soll es noch jene geben, die sehenden Auges und trotz praktischer Erfahrung meinen, sie müßten mit ihrer Verlegerei die Kultur bereichern? Kleinverlage mit Jahresumsätzen, über die man besser nicht redet und die das Finanzamt schon nach kurzer Zeit als Hobby von Steuerminderungsmöglichkeiten ausschließt?

Ja, die soll es geben. Die es sich den Luxus erlauben, Bücher drucken zu lassen, von denen sie wissen, daß die Chancen für einen Verkauf tendenziell in den nicht meßbaren Bereich gehen. Die gegenrechnen, was sie Sonntag für Sonntag im Restaurant hinblättern, und die feststellen, daß ein paarmal Essen gehen genauso teuer ist wie ein Buch drucken zu lassen. Die sich eine geistige Gemeinschaft mit ihren Autoren ausmalen, auch wenn jene in gelegentlichen Anfällen von Verzweiflung meinen, der ausbleibende Erfolg sei lediglich der Unfähigkeit ihrer verrückten Verleger geschuldet. Die sich in ihren kühnen Träumen vorstellen, man könne so etwas wie ein geheimes Band zwischen Autor und Lesepublikum herstellen. Die daran festhalten, daß der persönliche Kontakt bei Veranstaltungen den Verkauf ins Zweistellige hievt. Die von der Vorstellung besessen sind, daß es doch Menschen geben müsse, die in einem Anfall von Mäzenatentum auch mal einen Zehner für einen Gedichtband hinblättern, obwohl sie Gedichte eigentlich nicht mögen, und die den Band, wenn nicht im Regal verschwinden lassen, so doch immerhin noch an Weihnachten dem Briefträger in einer Geste von Großherzigkeit schenken.

Ja, solche verrückten Typen gibt es. Daß sie ein später Nachruhm ereilt, ist weder anzunehmen noch eingeplant. Für sie gilt das Wort: Solange sie das, was sie tun, für sich selber tun, ist es in Ordnung. Wenn sie einen Dank erwarten, machen sie einen Fehler.

Ja, sie machen es für sich. Mit Glück auch für ihre Autoren. Mit noch mehr Glück für ein kulturell ansprechbares Publikum.


© 15. September 2018, fünfjähriges Bestehen von "Hammer + Veilchen"